Nürtingen, Februar 2026
Genau vier Jahre nach Beginn des Kriegs in der Ukraine dauert der Konflikt nicht nur an, er verschärft sich sogar weiter. Die ohnehin prekäre Lage, geprägt von Unsicherheit, Zerstörung und Vertreibung, hat sich durch einen der härtesten Winter der letzten Jahre dramatisch zugespitzt. Bei Temperaturen von bis zu -20 Grad Celsius und erneuten Angriffen auf die Energieinfrastruktur kommt es landesweit zu massiven Stromausfällen. Vielerorts fehlt es an verlässlicher Heizungs- und Wasserversorgung. Mehr als 12.7 Millionen Menschen sind auf Hilfe angewiesen.
Für Millionen von Kindern ist der Alltag nun von mehr als nur dem ständigen Heulen der Luftschutzsirenen geprägt: Sie schlafen in eiskalten Wohnungen, lernen in ungeheizten Klassenzimmern und suchen Zuflucht in unterirdischen Schutzräumen. In diesem Kontext wird selbst so etwas Elementares wie Schlaf, und damit auch die Fähigkeit zu träumen, zu einem Grundbedürfnis, das vielen Kindern verwehrt bleibt.
„Ich habe Angst, meine Augen zu schließen. Weil ich immer wieder sehe, wie wir aus unserem zerstörten Zuhause fliehen“, beschreibt der 9-jährige Illia. Er musste mit seiner Mutter und seinem kleinen Bruder aus Charkiw fliehen, nachdem sein Zuhause durch Bombenangriffe zerstört wurde.
„Das Recht zu träumen bedeutet für Kinder in der Ukraine nicht nur die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, sondern auch das Recht auf ungestörte Nächte und einen ruhigen Schlaf”, erklärt Alexander Busl, Vorstand bei ChildFund Deutschland. “Kinder werden jede Nacht durch Angriffe und Alarme geweckt und müssen selbst bei minus 20 Grad in Bunker fliehen. Viele von ihnen ohne Eltern, die sie beruhigen oder beschützen könnten.”
Unterstützung durch psychosoziale Hilfe, Schutzräume und lebenswichtige Güter
Gemeinsam mit langjährigen Partnern schafft ChildFund Deutschland daher sichere Orte, an denen vom Krieg traumatisierte Kinder lernen, spielen und verlässliche Beziehungen aufbauen können. Nach Jahren der Isolation müssen Routinen und Vertrauen neu erlernt werden. Besonders heikel ist die Arbeit mit Kindern ohne elterliche Fürsorge: Bei ihnen geht es um die Wiedereingliederung in das soziale Leben und die nötige psychologische Unterstützung, um wieder Vertrauen zu entwickeln und sich eine Zukunft vorstellen zu können.
Die Kinderschutzorganisation stärkt die psychische Gesundheit kriegsbetroffener Kindergarten- und Schulkinder unter anderem durch den Einsatz der „Healing Forest“-Methodik. Innerhalb dieses Therapieansatzes wird die Natur gezielt als therapeutisches Element zur Verarbeitung von Traumata genutzt. Die ersten Kindergruppen, die das Programm abgeschlossen haben, zeigen deutliche Verbesserungen in der Stressbewältigung und ihrem psychischen Wohlbefinden.
Weiter versorgt ChildFund Deutschland betroffene Familien mit lebenswichtigen Gütern wie Lebensmitteln, sauberem Wasser, Hygieneartikeln, Kleidung und Decken. Gleichzeitig wird die schulische Bildung durch Online-Unterricht sowie durch die Ausstattung noch nutzbarer Schulen mit Materialien gesichert, die während Luftalarmen eine sichere Fortsetzung des Unterrichts in Bunkern ermöglichen.
Angesichts des besonders kalten Winters ergreift die Organisation gemeinsam mit ihren Partnern zusätzliche Schutzmaßnahmen für Kinder und Familien. So wurden weitere 19 beheizte Schutzräume in Betrieb genommen, zudem wird in weiteren Schutzunterkünften und Gesundheitseinrichtungen die Funktion von Heizungs- und Wassersystemen sichergestellt.
Darüber hinaus erhalten Kinder gezielte Minenaufklärung, die auf die besonderen Risiken der Wintermonate zugeschnitten ist. Denn eingeschränkte Sichtverhältnisse und beschädigte Infrastruktur erhöhen die Gefahr, mit explosiven Überresten des Krieges in Berührung zu kommen.
Bislang hat ChildFund Deutschland über 1.500 Kindern und Erwachsenen den Zugang zu Schutzräumen, psychosozialer Unterstützung und Bildungsangeboten ermöglicht. Mehr als 3.000 Menschen haben Gutscheine zur grundlegenden Verpflegung erhalten und über 3.000 Hygiene-Kits wurden verteilt. Außerdem konnten 100 Häuser repariert und 3 Gesundheitseinrichtungen rehabilitiert werden.
Das Recht auf Träume zu verteidigen bedeutet heute, Schutz, verlässliche Bildung und psychologische Begleitung zu gewährleisten. Damit Kinder und Jugendliche wieder an morgen glauben und ohne Angst einschlafen können.
Das Engagement von ChildFund in der Ukraine
ChildFund Deutschland ist seit 2014 in der Ukraine aktiv und führt Projekte der Entwicklungszusammenarbeit in den Bereichen Bildung, soziales Unternehmertum und Gesundheit durch. Nach Beginn der groß angelegten Invasion im Februar 2022 hat ChildFund sein Engagement sofort um humanitäre Hilfe erweitert, um den vom Krieg betroffenen Menschen zu helfen. Von Anfang an wurden langjährige lokale Partnerorganisationen aktiviert, um auf die Notlage zu reagieren. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf Projekten zur Förderung der psychischen Gesundheit und des Wohlbefindens von Kindern. Zusammen mit der ChildFund Alliance wurde das humanitäre Engagement in der Ukraine seitdem kontinuierlich fortgesetzt. Gleichzeitig hat ChildFund Deutschland sein langjähriges Engagement für die Schaffung von Berufs- und Beschäftigungsperspektiven für Jugendliche und die Förderung von sozialem Unternehmertum fortgesetzt. Für die operative Umsetzung unterhält ChildFund Deutschland ein Büro in Lwiw.
Copyright: Hugo Weber